Erinnerungen an die Studentenzeit

Der Beginn

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Die Erinnerungen sind noch einigermaßen frisch, obwohl das Ganze 40 Jahre zurückliegt.
Das Abitur, mehr oder weniger mühsam erworben, in der Tasche, ging es 1971 mit
dem D-Zug nach Magdeburg. Wenn man damals aus dem Bahnhof herauskam, sah man eine weite freihe Fläche. Die Trümmer waren fortgeräumt, und man konnte bis zum Hotel "International" an der Otto-von-Guericke-Straße schauen. Das dortige gehobene Restaurant "moskwa" und das cafe "wien" waren zur Not auch für Studenten bezahlbar, aber da es genügend preisgünstige Alternativen gab, kein übliches abendliches Ziel.
Vom Bahnhof aus schleppte ich den etwas schweren Koffer im Richtung Strassenbahnhaltestelle "Karl-Marx-" Ecke "Wilhelm-Pieck-Strasse", gegenüber der Gaststätte "Stadt Prag". Heute sagt man "Breiter Weg" Ecke "Ernst-Reuter-Allee" gegenüber von MC-Donald. stadt_prag
Ernst Reuter Magdeburgs letzter frei gewählter Bürgermeister vor dem Krieg und wurde als Stadtoberhaupt von West-Berlin 1948 mit einer Rede weltberühmt:  speaker
Ich stand übrigens nicht allein an der Haltestelle. Mindestens drei ehemalige Mitschüler aus Wittenberge fingen mit mir an, allerdings an anderen Sektionen. Wir warteten auf die Straßenbahn Nr.2, kurz "die zwei" genannt. Sie musste irgendwann aus Richtung Buckau kommen, den Hasselbachplatz passieren und dann in den Breiten Weg einbiegen, eine Straße, die bis zum Krieg als schönste Barockstraße Deutschlands galt.
Nach der Bombardierung im Januar 1945 blieben davon zwei Häuser übrig , die auch 1971 ohne Restaurierung noch etwas von der alten Pracht erahnen ließen. Wenn die Bahn Hauptpost und Dom passiert hatte, dann dauerte es nur noch kurze Zeit, bis wir mit Sack und Pack einsteigen konnten.
Zu der Zeit fuhren noch die sei 1961 eingesetzten Gothaer Bahnen mit Holzsitzen und Lederschlaufen zum Festhalten. Die gute alte Bahn mit der Kurbel Festzuhalten brauchte man sich nicht unbedingt, denn die Beschleunigung war moderat. Das änderte sich dann einige Jahre später als die Tatra-Bahnen kamen und die Leute anfangs beim Anfahren regelmässig zu Boden gingen. Dass dies an der günstigen M/n-Kennlinie der verwendeten Gleichstrom-Reihenschlussmotoren liegt, erfuhren wir dann Monate später im Hörsaal.
Es waren tolle Jahre, wegen der Jugend, und auch so.
Zu dieser Zeit war es noch ohne weiteres zumutbar, einen Riesenkoffer 355 Meter weit zu tragen. Fitnesstudios gab es damals nicht. Wozu auch. otto+perchi Es war die Zeit der langen Haare. Gern wurde es nicht gesehen, aber das störte uns nicht. Langsam gewöhnten sich die Leute auch daran. Ein paar Jährchen vorher, in der Schule, war das eher ein Thema.
Kam Kritik, wurde auf die üppigen Wolle bei dem großen Karl Marx verwiesen. Spätestens dann waren die Brüder ruhig. Ich behaupte: die 68-er Stimmung des Westens kam um 1971 in der DDR, natürlich im spezifischen Ostformat. Der alte Ulbricht (78)    speaker
wurde im Mai zurückgetreten und Erich der Dachdecker (59) speaker
verbreitete Wochen später grenzenlosen Optimismus.
Honecker gegen Ulbricht Das Wort "grenzenlos" war natürlich nicht ganz wörtlich zu nehmen. Man wusste noch nicht, wie weit eventuelle neue Freiheiten gehen würden. Aber das ließ sich ja ausprobieren.



Die "2" setzte sich quietschend in Bewegung. Der Fahrpreis betrug 15 Pfennige und wurde vom Studenten in der Regel nur bezahlt, wenn er allein unterwegs war.
Der "Fahrscheinautomat", der aussah, als hätten ihn Schüler im Polytechnischen Unterricht zusammengebaut, hatte in seinem inneren eine Münzaufnahmetrommel, die in einzelne Segmante unterteilt war, so dass man durch eine Glasscheibe sehen konnte welche Münzen die letzten Fahrgäste eingeworfen hatten.
In einer Gruppe, war es üblich, daß der erste irgend eine kleine Münze einwarf.
Die anderen riefen dann "bezahl' mal für mich mit"!.
Der Münzwerfer zog nun soviel Fahrscheine, bis sein Pfennig , klappernd im unteren Kasten verschwunden war. Nun war keine Kontrolle mehr möglich. Am Anfang wurde natürlich treu und brav bezahlt. Die älteren Semester brachten uns dann aber schnell bei, dass drei eingesparte Fahrscheine einem kleinen Bier entsprechen und so wurde die Tradition des unredlichen Fahrscheinerwerbs von Jahr zu Jahr weitergegeben.
Zu diesem Thema hat Ulli F. genannt "Fimpel", der schon 1970 mit dem Studium begonnen hat, zwei Ergänzungen: - Anstatt einen Pfennig zu investieren, wurde mit einem Schlüsselbund, das 'zufällig' in der Hand war, das Klimpern der Münzen simuliert. - Einer seiner Kommilitonen (Klaus J.) wurde erwischt und musste 20,-M blechen. Eine für damalige Verhältnisse empfindliche Strafe. Bei mir haben 5 Mark gereicht MVB-Strafquittung Daß bei so einer solchen Denkweise keine Wirtschaft auf Dauer funktionieren kann, hat sich dann auch irgendwann herausgestellt. Andererseits sorgten wir massiv dafür dass zumindest ein wichtiger Wirtschaftszweig florierte, die Schankwirtschaft. Die 40 Pfennig für ein kleines Bier im "Hansaeck" war nicht viel, aber dar Laden war immer voll und die Bierdeckel zuletzt voller Striche. Beim bezahlen war dann kein schummeln möglich.
Abschliessend: ein Beitrag zur Erkenntnistheorie: Ein Dozent untermauerte einmal die These, daß man mit einer einleuchtenden Begründung jede noch so unsinnige Behauptung als wahr verkaufen kann mit folgender Geschichte:

Der Enkel fragte den Opa an der Haltestelle, warum eine Straßenbahn denn so einfach fahren kann, auch wenn es bergauf geht.
Der Opa wollte sich die Sache mit dem elektrischen Strom verkneifen und erklärte nach einigem nachdenken, dass sich ja der Bügel oben am Draht reibt. Durch die Reibung entsteht Wärme und aus der Wärmeenergie schöpft die Bahn Kraft für die Fahrt.
Nun dachte er hat er Ruhe. Weit gefehlt. "Was ist denn, wenn die Bahn an der Haltestelle steht und losfahren will, da reibt nichts ?" fragte sofort der Enkel.
Der Opa hatte seinen guten Tag und auch recht schnell die Lösung: "Dann dreht der Fahrer an seiner grossen Kurbel und reibt vor."

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